CLICCS
and Society (CLICCS)
Foto: UHH/Denstorf
8. Juni 2026, von Thomas Merten

Foto: Laura Berta/ESRAH/UHH
Rund 120 Gäste füllten am Dienstagabend den Hörsaal 2 im neuen MIN-Forum der Universität Hamburg: Studierende neben St.-Pauli-Fans, Wissenschaftlerinnen neben interessierten Gästen, dazu Stadionbrezeln und kühle Getränke. Die Universitäts-Gesellschaft Hamburg hatte gemeinsam mit dem Exzellenzcluster CLICCS zum Podiumsgespräch „Kein Titel ohne Haltung – Spitzenforschung trifft Spitzenfußball" geladen, moderiert von Hanna Proner vom Zeit-Verlag.
Auf dem Podium: Johanna Baehr, Klimaforscherin und Sprecherin von CLICCS, und Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli und Mitglied im DFB-Präsidium. Die Leitfrage des Abends: Was können Klimaforschung und Profifußball voneinander lernen – über Leistungsdruck, Verantwortung und die Kunst, Haltung im harten Wettbewerb zu bewahren?
Göttlich machte früh deutlich, dass Haltung für ihn kein starrer Zustand ist: „Haltung bedeutet nicht, in einem Punkt zu verharren. Man geht mit Thema A rein und entwickelt sich auf dem Weg in Richtung B. Das ist kein Mangel an Haltung – das ist Dialog." Beim FC St. Pauli wolle man „durch Reibung und Auseinandersetzung etwas lernen". Baehr sah es ähnlich: „Haltung ist für mich Lernen." Entscheidend dafür sei für sie als Klimaforscherin, in Gesprächen sauber zu unterscheiden: Was ist ein Fakt, was eine Unsicherheit, was eine Meinung? „Der Klimawandel ist real und menschengemacht. Punkt. Das sind Fakten." Aber nicht alles, was Forschende sagten, sei automatisch ein Fakt. Genau diese Differenzierung öffentlich zu machen, sei Teil ihrer Haltung.
Beide schilderten, wie sie täglich zwischen Zielkonflikten abwägen. Göttlich erzählte von einem 16-jährigen Vereinsmitglied, das auf einer Mitgliederversammlung nachhaltige Standards für das Merchandising einforderte. Der Verein setzte sie um – und nahm die schlechtere Marge in Kauf. „Jeder Euro, den wir nicht in den Sport stecken, verringert die Wahrscheinlichkeit, dass wir sportlich erfolgreich sind. Und trotzdem gehen wir diesen Weg."
Baehr beschrieb ein ähnliches Spannungsfeld in der Forschung: Von wem nimmt man welches Geld? Welche Vorgaben lässt man sich machen? Wo publiziert man? Ihr sei Fingerspitzengefühl in der Öffentlichkeitsarbeit wichtig: Forschende könnten ein Ergebnis so zuspitzen, dass es maximale Aufmerksamkeit bekomme oder es präzise für die Fachcommunity aufbereiten. „Manche Dinge sind vor allem in der wissenschaftlichen Community hochspannend, und manche lohnen sich, sie intensiv mit der Öffentlichkeit zu diskutieren.“ Aber dann sei es wichtig, auch die Unsicherheiten mitzukommunizieren.
Auch der Abstieg des FC St. Pauli war Thema: Göttlich sprach offen darüber, wie bitter dies sei. Er zog eine Parallele zur Forschung: „Das ist wie ein gescheitertes Experiment – man ist total sauer. Aber innerhalb des Prozesses merkst du auf einmal: Es kommt etwas anderes raus. Und das bringt dich vielleicht auf einen viel erfolgreicheren Weg.“ Auf- und Abstieg seien der Normalzustand des FC St. Pauli, auch wenn das niemand gern höre. Die Erste Liga bedeute einen ganz anderen Budgetrahmen und andere Möglichkeiten, aber man lasse sich vom eingeschlagenen Weg nicht abbringen: „Egal, ob es in der Nachwuchsarbeit ist oder in unserer Infrastrukturplanung.“
Einig waren sich beide darin, dass Spitzenleistung ohne Team nicht funktioniert. Baehr rechnete vor: 70 Forschende hätten sich auf 120 Seiten Exzellenzantrag geeinigt, 15 davon hätten ihn in 90 Minuten vor einem Gutachtergremium verteidigt – „plus 60 Minuten Nachspielzeit". Göttlich wiederum beschrieb seine 25 Profispieler als „25 Einzelunternehmen", die nur durch exzellente Trainerarbeit zu einer Gemeinschaft würden: „Die individuelle Spitze, die man bräuchte, um in der Champions League zu gewinnen, kann sich der FC St. Pauli gar nicht leisten. Also geht es nur über Gemeinschaft."
Aus dem Publikum kam die Frage, wo die Grenze zwischen Haltung und Aktivismus verläuft – und wie man sachlich bleibt, ohne als aktivistisch abgestempelt zu werden. Baehr differenzierte klar: „Aktivismus ist für mich Lobbyarbeit. Sich für ein bestimmtes Interesse einzusetzen, ist etwas anderes als eine wissenschaftliche Perspektive einzunehmen und den Dingen auf den Grund zu gehen." Welche Handlungen aus den Erkenntnissen folgten, darüber könne man trefflich streiten.
Göttlich wiederum warb für die Arbeit am Kompromiss: „Die ist am schwierigsten. Und ich würde mir wünschen, dass wir gesellschaftlich wieder gucken: Wo ist unser großer gemeinsamer Nenner?" Er habe Hochachtung vor Politiker:innen und wünsche sich mehr politische Beteiligung statt bloßer Bewertung von der Seitenlinie.
Baehr pflichtete bei: „Ich sehe Klimaforschung in der Verantwortung, zur Frage beizutragen, wie wir Emissionen vermeiden. Aber ich muss als Person nicht daran verzweifeln, dass die ganze Verantwortung bei mir liegt.“ Die trage die Gesellschaft gemeinsam.
Am Ende stellte Moderatorin Hanna Proner beiden die Frage: Was würdet ihr aus der jeweils anderen Welt mitnehmen? Göttlich grinste: „Sieben Jahre fest in der ersten Liga zu sein wie bei der Exzellenz-Förderung, das hätte ich auch gern." Baehr zitierte aus dem St.-Pauli-Buch von König Boris von Fettes Brot: „Es ist nur möglich, diesen Verein zu lieben, wenn man auch verlieren kann." Nach diesem Abend wurde deutlich: Dieser Satz gilt auf dem Rasen genauso wie an der Uni.