CLICCS
and Society (CLICCS)
Photo: UHH/Denstorf
2 July 2026, by Thomas Merten

Photo: F. Thane
Die Soziologin Anita Engels erforscht seit 30 Jahren, warum notwendige und bekannte Schritte beim Klimaschutz stocken. Aus ihrer Forschung am Exzellenzcluster CLICCS an der Universität Hamburg leitet die Professorin konkrete Strategien ab, wie jede und jeder die Klimawende mitorganisieren kann – und Ohnmacht und Stillstand überwindet.
Frau Engels, Sie forschen seit 1994 zur Klimakrise. Wie hat sich ihr Blick auf das Klima und die Gesellschaft verändert?
Mir war als Soziologin von Anfang an klar, welche gesellschaftliche Trägheit im System steckt – Machtverhältnisse, Abhängigkeiten, die uns in der klimaschädlichen Wirtschaft festhalten. Aber ich dachte: Das dauert ein paar Jahrzehnte, dann passiert es. Jetzt sind wir diese Jahrzehnte weiter und es ist zwar vieles passiert, aber wir sind immer noch nicht so weit, dass die Emissionen global sinken. Damit habe ich nicht gerechnet.
Aber die Mehrheit der Bevölkerung ist doch für Klimaschutz. Warum bildet sich das politisch nicht ab?
Weil das eine abstrakte Mehrheit ist. Je konkreter man fragt, desto geringer ist die Zustimmung. Das zeigen unsere Auswertungen: Sobald es um meine eigene Entscheidungsfreiheit geht – morgens ins Auto steigen, mein Heizungssystem wählen, Essgewohnheiten –wächst die Abwehr. Und es gibt Kräfte in der Gesellschaft, die dagegenhalten – Medienkampagnen, politische Gegenbewegungen, Wirtschaftsverbände.
Viele fühlen sich ohnmächtig. Was hilft dagegen?
Schauen Sie genau nach, wo Sie gesellschaftlich stehen, mit wem Sie zu tun haben und welche Stärken Sie haben. Oft ergeben sich in Beruf, Freundeskreis, Vereinen oder der direkten Umgebung Möglichkeiten, sich mit anderen zusammenzuschließen, um sich für mehr Klimaschutz einzusetzen. Manche Kolleginnen oder Freunde können gut kommunizieren und haben gute Kontakte, andere haben technisches Know-how oder ein Organisationstalent. Machen Sie gemeinsam strukturelle Hindernisse aus, die Klimaschutz verhindern und versuchen Sie, diese umzuorganisieren.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Ziel ist, dass Geschäftsmodelle mit fossilen Brennstoffen wie Öl, Gas und Kohle sich für Unternehmen nicht mehr lohnen – durch Gesetze oder weil sie finanziell unattraktiv werden. Wer zum Beispiel bei der Stadt arbeitet oder Zugang zu Verwaltungen hat, hat Einfluss darauf, wofür öffentliche Gelder ausgegeben werden, und kann sich für Alternativen einsetzen.
Das klingt nach einem anderen Ansatz als der übliche Tipp, selbst nachhaltig zu leben.
Genau. Es geht nicht darum, dass jeder allein durch seinen Lebensstil die Klimawende schafft. Das klappt nur begrenzt, weil wir ständig fossile Infrastruktur nutzen. Ohne starken politischen Druck werden die Entscheidungsträger nicht umschwenken. Und den kann man auf vielen Wegen erzeugen: auf die Straße gehen, ja – aber bei vielen hat sich seit den Millionenprotesten 2019 der Eindruck festgesetzt, dass das allein nicht reicht. Deshalb muss man über zivilgesellschaftliches Engagement mehr Klimaschutz einfordern.
Was heißt das konkret – Abgeordneten schreiben, einer NGO oder einer Partei beitreten?
Ja, oder Gewerkschaften. Die haben eine starke Position, sind aber oft noch nicht so weit, dass sie sagen: Wir müssen in die Klimawende einsteigen, um langfristig Arbeitsplätze zu sichern. Auch Berufsverbände und Unternehmen sorgen sich oft ums Klima, brauchen aber verlässliche politische Rahmenbedingungen, damit Klimaschutz nicht gegen ihre Geschäftsinteressen läuft. Das zeigt auch der regelmäßige Austausch einer meiner Arbeitsgruppen mit 20 global agierenden Großkonzernen: Fossile Geschäftsmodelle bleiben oft noch zu profitabel. Und wenn eine Klimaschutzmaßnahme als unfair empfunden wird, erzeugt sie keine Resonanz in der Gesellschaft. Aber wenn die Politik wahrnimmt: Da passiert an der Basis unheimlich viel, die Leute organisieren sich an allen Ecken und Enden – dann werden Klimaschutzmaßnahmen wahrscheinlicher verabschiedet.
Sie plädieren für „ungewöhnliche Allianzen". Wer sollte sich mit wem zusammenschließen?
Bündnisse mit anderen Bewegungen, etwa gegen Rassismus, sind ja naheliegend. Aber man könnte auch Kirchengemeinden und Unternehmen zusammenbringen. Oder auf Sportvereine zugehen. Immer wenn man es schafft, verschiedene Bereiche zu verknüpfen – Politik, Wirtschaft, Religion, Kunst –, erreicht man mehr Leute. Das haben wir auch zwischen Fridays for Future und den Gewerkschaften gesehen.
Was sagen Sie Menschen, die mit ihrem Alltag schon gestresst genug sind?
In unserem Forschungsprojekt im Hamburger Stadtteil Lokstedt haben wir genau das erforscht: wie man gemeinsam mit Anwohnenden, Verwaltung und Vereinen vor Ort Klimaschutz voranbringen kann – trotz eines anstrengenden Alltags. Mein Rat: Suchen Sie sich ein, zwei Verbündete, um zu starten. Ganz allein ist es schwer. Dann kann man Schritt für Schritt schauen: Wie ist mein Alltag strukturiert, kann ich systematisch etwas ändern, neue Routinen finden? Und es hilft, gemeinsam Dinge zu organisieren, die Spaß machen – eine Tauschbörse, ein klimaneutrales Straßenfest. Oder einfach nur ansprechbar für das Thema zu sein. Wenn ich nicht sofort über das Heizungsgesetz losschimpfe, kann das schon bewirken, dass andere sich auch dafür öffnen.
Reicht lokales Engagement aus?
Die lokale Ebene ist eine Schlüsselebene, weil die Klimawende sich dort manifestiert: Bei Mobilität, Ernährung, Energie – das alles ist lokal. Aber ohne nationale Absicherung verpufft das. Und da sehe ich im Moment eher Rückschritte.
Was macht Sie trotzdem zuversichtlich?
Es gibt großartige Beispiele, die wirklich etwas bewirken, Bürgerinitiativen, Firmen, die vorangehen – sie tauchen in den Medien nur viel zu wenig auf. Schauen Sie sich diese positiven Beispiele an. Nicht naiv, nicht nach dem Motto „läuft doch", sondern um zu sehen: Es geht nicht alles den Bach runter.
Es heißt oft, Klimaschutz sei ein Thema wohlhabender grüner Milieus. Was sagen Sie dazu?
Das stimmt nicht. Eine bestimmte Form von Klimaschutz – Bio-Produkte, Lastenrad – ist sicherlich in einem wohlhabenden Milieu verankert. Aber selbst konservative Institutionen wie Banken, Versicherungen und sogar die Bundeswehr richten sich strategisch auf eine unsichere Klimazukunft ein. Und es gibt viele Menschen in unserer Gesellschaft, die Extremwetter am eigenen Leib erleben: Fluten, Hitzewellen. Viele Migrantinnen und Migranten kommen aus Regionen, die Hotspots für klimabedingte Extremwetter sind – der Nahe Osten, afrikanische Länder.
Was ist mit den Superreichen, die überproportional zum Klimaproblem beitragen?
Die Kluft besteht zwischen den sehr Wohlhabenden und allen anderen. Was ein ganzes Dorf an Einsparungen schafft, wird durch die Privatflüge einer reichen Familie zunichtegemacht. Das ist demotivierend. Aber es gäbe konkrete gesetzliche Möglichkeiten: Privatflüge und Jachten anders besteuern, sodass der Schaden, der dadurch entsteht, bezahlt werden müsste.
Was ist Ihr wichtigster Rat an alle, die loslegen wollen?
Empathie aufbauen und Kompromisse aushalten. Es müssen sich nicht alle einig sein. Aber man kann bei allen fragen: Was ist für dich wichtig an der Klimawende? Können wir darüber zusammenkommen? Das reicht als Anfang.
Anita Engels ist Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg und forscht im Exzellenzcluster „Klima, Klimawandel und Gesellschaft" (CLICCS). Wie weit Deutschland auf dem Weg zu seinen Klimazielen ist und wo es noch stockt, zeigt die umfassende Studie Klimawende Ausblick. Unter anderem auf dieser Grundlage verfasste Anita Engels ihr populärwissenschaftliches Buch „Die Klimawende JETZT organisieren. Strategien gegen Stillstand und Ohnmacht”, nun erschienen beim oekom-Verlag.