and Society (CLICCS)
Hoffnung durch Praxis
11. Februar 2026, von Stephanie Janssen

Foto: M. Schnegg
Michael Schnegg erforscht als Ethnologe den Klimawandel am Exzellenzcluster CLICCS und lebt jedes Jahr für mehrere Monate in einem Dorf in Namibia. Seine Ergebnisse zeigen einen anderen Blick auf die Natur als den „westlichen“. Für den Klimawandel kann das bedeuten, auf Rückschläge ungewohnt zu reagieren – mit Hoffnung zum Beispiel.
Ende Januar hat Michael Schnegg sich wieder auf den Weg gemacht, von Hamburg aus in die Nähe von Kunene im Norden Namibias. Sein Ziel ist eine Hütte in einem Dorf mit zehn Haushalten. Dort lebt er regelmäßig für viele Wochen in einer Dorfgemeinschaft nahe einer Wasserstelle, zusammen mit freilaufenden Rindern, Ziegen und Schafen. Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser und kein Internet. Bis zur nächsten kleineren Stadt mit Supermarkt, Kirche und Verwaltung sind es 30 Kilometer, kleine Ansiedlungen finden sich mehr als fünf Kilometer entfernt.
Als Ethnologe beobachtet Schnegg die Gemeinschaft und ist gleichzeitig Teil des Dorflebens. Die dortige Khoisan-Sprache mit den typischen Klicklauten spricht er mittlerweile sehr gut. Ihn interessiert zum Beispiel, wie die Menschen auf dem Land mit Klimaveränderungen umgehen.
Konkret bedroht, aber deutlich hoffnungsvoller
Namibia ist eines der trockensten Länder in Afrika, Wasser ist in dieser Gegend entscheidend. Über viele Monate fällt überhaupt kein Regen. Die Menschen haben gelernt, mit dieser Knappheit umzugehen. Doch in den letzten Jahren hat sich etwas verändert: Im Zuge des menschengemachten Klimawandels verkürzt sich die Dauer der Regenzeit. „Die Klimaveränderungen bedrohen hier die Lebensgrundlagen: die Ernten werden schlechter, Weideflächen verdorren, Nutztiere sterben und der Hunger nimmt zu“, sagt Schnegg. „Die Lage ist ernst und trotzdem reagieren viele Menschen auf den Klimawandel deutlich hoffnungsvoller als in Deutschland.

Seine Nachbarinnen und Nachbarn probieren Alternativen aus, passen sich an, verändern ihre Methoden. Rückschläge werden anerkannt, aber nicht tatenlos hingenommen. Resignation ist für sie keine Alternative. Schnegg erfuhr, dass Hoffnung in Kunene sich im Handeln zeigt – und oft auch erst durch das Handeln entsteht. Gleichzeitig beobachtet er, dass Hoffnung ansteckend ist. Initiativen werden kopiert, bei Erfolg verbreiten sie sich rasch auch über die Dörfer im Umkreis und stiften eine wachsende Atmosphäre der Zuversicht.
Praktisch geleisteter Widerstand
Schneggs Kollege Dr. Julian Sommerschuh hat parallel in Kenia eine vergleichbare Studie durchgeführt. Die beiden Hamburger Forscher konnten dadurch zeigen, dass die Ergebnisse nicht ungewöhnlich sind. Auch in Kenia sind die vom Klimawandel massiv in ihrer Existenz bedrohten Menschen sehr viel hoffnungsvoller, als die Forscher erwartet hatten.
Das ist auch für Deutschland relevant. Die Stimmung im Land wird vielfach als durch Angst geprägt beschrieben. Klimawandel, Krieg, wirtschaftlicher Abstieg. Diese Angst kann politische Folgen haben, wenn sie Menschen in die Arme radikaler Bewegungen treibt, die einfache Antworten versprechen.
In Deutschland wird der Klimawandel oft über Zahlen, globale Prognosen oder als entferntes Ereignis wahrgenommen. Schnegg und Sommerschuh plädieren dafür, die Wahrnehmung im Alltag zu schärfen. Wer den Klimawandel im eigenen Umfeld entdeckt, in Form von trockenen Böden, Hitzestau in den Städten oder Wassermangel, für den wird das Problem konkreter.
Dies kann motivieren, selbst aktiv zu werden und vor Ort spürbar etwas zu verändern, in der Gemeinschaft, in Initiativen oder Projekten. Wer handelt, schafft konkrete Verbesserungen und kreiert gleichzeitig eine Atmosphäre der Hoffnung. „In Form von Engagement kann Hoffnung als konkrete Praxis eingeübt werden. Sie ist kein Trostpflaster, sondern praktisch geleisteter Widerstand gegen Aussichtslosigkeit,“ sagt Michael Schnegg. Und irgendwann werden auch die dringend notwendigen großen gesellschaftlichen Veränderungen wieder vorstellbar.
Publikation
Sommerschuh J, Schnegg M (2025): How to Be Hopeful About Climate Change; American Anthropologist, doi.org/10.1111/aman.70055
News: Klimaemotionen: Michael Schnegg in New Orleans ausgezeichnet
Prof. Michael Schnegg forscht im Exzellenzcluster CLICCS an der Universität Hamburg ethnologisch zu Klimaveränderungen im ländlichen Raum. Dazu führt er umfangreiche Feldforschung in Namibia durch. Dr. Julian Sommerschuh ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethnologie der Universität Hamburg und forscht in Kenia zu Klimawandel und Landwirtschaft.

