and Society (CLICCS)
Prämiertes Paper zu CO2-PreisenWenn Klimapolitik sich selbst im Weg steht
1. April 2026, von Stephanie Janssen

Foto: M. Skubatz
Das Economic Journal hat Grischa Perino mit dem Preis für den besten Artikel im Jahr 2025 ausgezeichnet. Die renommierte Fachzeitschrift erscheint seit 1891 und wird von der Royal Economic Society in Großbritannien herausgegeben. Grischa Perino, Professor für Umweltökonomie und ESRAH-Direktor, steht damit in einer Reihe ausgezeichneter Ökonom:innen, unter denen sich auch zwei Nobelpreisträger befinden. Sein Thema: Die Kniffe und Widersprüche von Klimapolitik und CO2-Bepreisung.
Grischa Perino, im prämierten Artikel „Overlapping climate policies“ beschreiben Sie zusammen mit Robert Ritz und Arthur van Benthem, wie sich Maßnahmen zum Klimaschutz gegenseitig aushebeln oder verstärken. Warum ist das wichtig?
Wir zeigen hier zum ersten Mal ganz systematisch, welche Art von Klimaschutzmaßnahmen gut und welche weniger gut zusammen funktionieren. Es gibt in vielen europäischen Ländern Maßnahmen, die nicht zum EU-weiten Emissionshandel passen – und dadurch auch nicht die gewünschte Wirkung entfalten.
Was ist da los?
In Deutschland wurde lange diskutiert, ob es überhaupt einen Effekt hat, wenn wir Kohlekraftwerke stilllegen. Natürlich ist es grundsätzlich gut, keine Kohle mehr zu verbrennen, also kein zusätzliches CO2 in die Atmosphäre auszustoßen. Im Rahmen des europäischen Emissionshandels dürfen die deutschen Kohlekraftwerke und die Industrie allerdings ohnehin nur eine bestimmte Menge CO2 ausstoßen. Für jede ausgestoßene Tonne müssen sie ein Zertifikat abgeben. Benötigt ein Unternehmen jetzt diese Zertifikate nicht, weil es weniger Kohle verbrennt, können diese „Verschmutzungsrechte“ verkauft und anschließend woanders für Emissionen eingesetzt werden. Wenn sich nicht auch die Anzahl an Zertifikaten insgesamt verringert, dann ist das ein Nullsummenspiel.
Bei uns hat die Bundesregierung selbst gegengesteuert.
Richtig. Sie hat 2025 begonnen, weniger Zertifikate zu versteigern, als ihr eigentlich erlaubt waren, damit der Kohleausstieg die erwünschte Klimawirkung erzielt. Gleichzeitig gibt es bereits einen Mechanismus im EU-Emissionshandel, der automatisch Zertifikate löscht, die so genannte Marktstabilitätsreserve.
Und diese Instrumente beeinflussen sich gegenseitig.
Richtig. Wir haben deshalb untersucht, wie solche Maßnahmen sinnvoll aufeinander abgestimmt werden können: ein gesetzlich verordneter Kohleausstieg, die automatischen Löschungen durch das Emissionshandelssystem und eine Verknappung von Zertifikaten durch Regierungen. Und das nicht nur für den europäischen Emissionshandel und den deutschen Kohleausstieg, sondern für verschiedene Varianten, CO2 zu bepreisen und für viele unterschiedliche Klimaschutzmaßnahmen wie den Ausbau erneuerbarer Energie oder Vorgaben für die Energieeffizienz.
Was wäre eine wirksame Maßnahme für ein EU-Land?
Die Länder würden effektiver CO2 einsparen, wenn sie die Nachfrage nach klimaschädlichen Produkten reduzieren, statt deren Produktion zu begrenzen. Also lieber erneuerbare Energien wie Windräder und Solaranlagen ausbauen oder eine nationale Flugsteuer erheben, statt ein Kohlekraftwerk per Gesetz abzuschalten. Denn wenn man die Produktion an einem bestimmten Standort einschränkt, die Nachfrage aber weiterhin besteht, könnten andere fossile Anlagen einspringen um die Lücke zu füllen.
Die Industrie und selbst einige Regierungen laufen gerade gegen den europäischen Emissionshandel Sturm. Italien subventioniert Gaskraftwerke, um sie vom CO2-Preis zu entlasten. Bröckelt der europäische Klimaschutz?
Wir sind in einer heiklen Phase. Auf EU-Ebene laufen gerade wichtige Verhandlungen über die Zukunft des Emissionshandels. Viele Industriezweige sind zurzeit in einer schwierigen Lage und laufen Sturm, weil sie steigende Kosten erwarten. Bislang hatte die Industrie Glück. Sie bekam die Zertifikate größtenteils geschenkt – eine Milliardensubvention, die jetzt auslaufen soll. Doch den ETS gibt es seit 20 Jahren, da haben sie einfach den Anschluss verschlafen. Deshalb wollen einige EU-Länder den Emissionshandel ganz aussetzen, um ihre Wirtschaft zu schonen. Das wäre Wahnsinn. Den ETS abzuschaffen würde das Kind mit dem Bade ausschütten. Dass Italien seine Gaskraftwerke faktisch vom CO2-Preis ausnimmt, bedeutet, dass dort jetzt Klimaverschmutzung subventioniert wird.
Was raten Sie?
Vor allem, die Klimaziele nicht aufzuweichen! Der Emissionshandel sollte außerdem effektiver gestaltet werden.
Wie lässt sich der Emissionshandel verbessern?
Der Emissionshandel sollte sich besser selbst stabilisieren können. Dann braucht es weniger Krisensitzungen der Politik und auch die Wechselwirkungen mit anderen Klimaschutzmaßnahmen werden leichter vorherzusagen. Das könnte man erreichen, wenn sich die Menge der Zertifikate nach dem aktuellen Preis der Zertifikate richten würde.
Wie funktioniert das konkret?
Wenn der Preis sinkt, sollten weniger Zertifikate ausgegeben werden. Das würde dem Preisverfall direkt entgegenwirken. Steigt der Preis, dann könnten mehr Zertifikate ausgegeben werden, um die Belastung für Unternehmen und Konsument:innen nicht ausufern zu lassen.
Der Emissionshandel ist derzeit noch nicht perfekt, aber ihn aufzuweichen oder gar abzuschaffen, wäre vermutlich ein Todesstoß für die Klimaziele der EU und damit auch der deutschen.
Eine klimafreundliche Produktion würde sich dann nicht mehr lohnen?
Genau. Der Emissionshandel sorgt dafür, dass die Verursacher dafür bezahlen, wenn sie Treibhausgase ausstoßen. Dadurch lohnt es sich, in Klimaschutz zu investieren. Je höher der Preis für Zertifikate, desto größer der Anreiz auf saubere Technologien umzusteigen. Schafft man diesen Preis ab oder senkt ihn deutlich, dann bleiben diese Investitionen aus. Und wer schon investiert hat, wird bestraft, da er hohe Kosten hatte ohne dadurch beim CO2-Preis sparen zu können.
Mehr Infos
Prämierte Publikation
Perino G, Ritz RA, van Benthem AA (2025): Overlapping Climate Policies; The Economic Journal, Volume 135, Issue 671, Pages 2122–2160, doi.org/10.1093/ej/ueaf021
Über den Preis
2025 Royal Economic Society Prize winners announced
Über das Paper
Was bringt der Kohleausstieg wirklich fürs Klima?
Die Mechanismen des Emissionshandels

